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Tensegrales Pferdetraining und Biomechanik

Die funktionelle Anatomie des Pferdes verstehen und gezielt unterstützen

Das Tensegrity-Prinzip

Das Konzept der Tensegrität stammt ursprünglich aus der Architektur und beschreibt eine faszinierende Bauweise: Harte, steife Elemente werden durch ein elastisches Netzwerk in Schwebe und perfekter Aufspannung gehalten.

Auf dein Pferd übersetzt bedeutet das: Knochen, Gelenke, Muskeln, Sehnen und Faszien funktionieren nicht als voneinander getrennte Einzelteile. Sie bilden ein zusammenhängendes System, das Kräfte aufnimmt, verteilt und weiterleitet.

Funktioniert dieses Zusammenspiel, kann der Körper gleichzeitig beweglich, elastisch und stabil sein. Verliert das Netzwerk seine Anpassungsfähigkeit, können sich ungünstige Spannungsmuster, Steifheit und eingeschränkte Bewegungsqualität entwickeln.

Tensegrität ist dabei ein funktionelles Denk- und Trainingsmodell. Es hilft uns, den Pferdekörper als Ganzes zu betrachten, ersetzt jedoch keine tierärztliche Diagnose.

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Die geniale Arbeitsteilung der Muskulatur

Vereinfacht betrachtet erfüllt die Muskulatur unterschiedliche Hauptaufgaben:

  • Stabilisationsmuskeln: Tiefer und gelenknah arbeitende Muskeln leisten einen wichtigen Beitrag zur Körperkontrolle, Gelenkstabilität und Feinabstimmung.

  • Bewegermuskeln: Grössere und oft oberflächlicher liegende Muskelgruppen erzeugen und übertragen Bewegung, Raumgriff und Schwung.

 

In der Realität arbeiten beide Systeme immer zusammen. Ein gesunder Pferdekörper kann stabilisieren, ohne starr zu werden, und sich kraftvoll bewegen, ohne seine Balance zu verlieren.

Wenn das System dauerhaft kompensieren muss

Wenn diese Arbeitsteilung zusammenbricht – sei es durch Fehlbelastung, Zucht, Verletzungen oder Überforderung –, müssen die Bewegermuskeln den Halt übernehmen.

Die Folge? Der Muskeltonus bleibt erhöht, Bewegungsräume werden kleiner und das Pferd beginnt, fehlende Stabilität an anderer Stelle auszugleichen. So können sich Kompensationsmuster entwickeln, die sich beispielsweise als Steifheit, eingeschränkte Biegung, festgehaltener Rücken oder mangelnde Tragfähigkeit zeigen.

Das Tensegrity Training setzt dort an, wo solche Spannungs- und Bewegungsmuster beeinflussbar sind.

Vorteile und Ziele

Ein Körper im dynamischen Gleichgewicht.
 

Unser Training zielt darauf ab, die biomechanische Harmonie im Pferdekörper zu fördern. Völlig unabhängig von Rasse, Alter, Ausbildungsstand oder Disziplin.

Statt Haltungen mechanisch zu erzwingen, helfen wir dem Pferd, sich von innen heraus elastisch «aufzuspannen». Wir erarbeiten eine dynamische Stabilität, die nicht durch Festhalten, sondern durch elastische Balance entsteht.

 

Das Ergebnis soll eine Bewegung sein, die ergonomisch und verschleissarm ist – eine wichtige Grundlage für die langfristige Belastbarkeit von Gelenken, Sehnen und Bändern. 

Ein besonderer Fokus liegt dabei auf der Aktivierung der Rumpfträgermuskulatur. Wir unterstützen das Pferd dabei, seinen Brustkorb zwischen den Schultern besser zu stabilisieren und anzuheben.

 

Denn wir sind überzeugt: Körperliche Balance schafft eine wichtige Voraussetzung dafür, dass das Pferd auch mental loslassen und vertrauensvoll mitarbeiten kann.

Belastungsbewusstes Reiten

Wir fördern eine möglichst günstige Lastverteilung und unterstützen das Pferd dabei, Belastung über den gesamten Körper aufzunehmen und weiterzuleiten.

Impulse für die Selbstorganisation des Körpers

Wir pressen dein Pferd in keine vorgegebene Form und erzwingen keine Bewegungsabläufe. Stattdessen geben wir dem Körper gezielte Impulse, damit er lernt, sich zunehmend selbstständig, effizient und der jeweiligen Aufgabe entsprechend zu organisieren. Unser Werkzeugkasten verbindet feine manuelle Techniken mit funktionellem Bewegungstraining.

Anatomische De-Kompression

Der Rautenmuskel, der M. rhomboideus, kann gemeinsam mit den umliegenden Strukturen an festgehaltenen Spannungsmustern rund um Halsbasis, Schulterblatt und Widerrist beteiligt sein. Bei erhöhter Dauerspannung können Hals und Schulterblatt in einer wenig veränderbaren Haltung miteinander verbunden bleiben. Die Oberlinie verkürzt sich und die freie Bewegung des Schulterblatts wird erschwert.

Über feine manuelle Impulse arbeiten wir Punkt für Punkt an der Gewebeantwort und laden das Pferd dazu ein, übermässige statische Spannung zu reduzieren. Gibt das Gewebe nach, können Strecker- und Beugerketten wieder variabler zusammenarbeiten. Es entsteht mehr Raum für Bewegung, ohne dass Gelenke manipuliert oder Positionen erzwungen werden.

Neurologisches Druckverständnis etablieren

Losgelassenheit ist nicht nur eine Frage der Muskulatur. Sie ist auch ein Lernprozess des Nervensystems.

Über ein präzises Pressure-Release-Prinzip stellen wir dem Pferd eine klare und verständliche Aufgabe: Wir geben einen sanften, genau dosierten Impuls, warten auf die kleinste passende Reaktion und lösen den Druck im richtigen Moment vollständig auf.

So lernt dein Pferd, Druck nicht automatisch mit Gegendruck zu beantworten. Es entwickelt neue Lösungsstrategien und kann zunehmend mit weniger äusserer Unterstützung reagieren.

Aktivierung des Rumpfträgers – der Thorax-Lift

Der M. serratus ventralis ist ein zentraler Bestandteil des Rumpftrageapparats. Gemeinsam mit weiteren Muskeln und faszialen Strukturen trägt er dazu bei, den Brustkorb zwischen den Vordergliedmassen zu stabilisieren.

Über einen gezielten Impuls von der Gurtlage in Richtung des gegenüberliegenden Buggelenks unterstützen wir das Pferd dabei, mit Ausdehnung statt Gegendruck zu reagieren. Im leichten Schultervor und über einen sorgfältig dosierten Drift nach aussen kann das Pferd lernen, den Brustkorb aktiver zwischen den Schulterblättern anzuheben. Der Thorax-Lift wird dabei nicht erzwungen. Er entsteht als Antwort auf eine verständliche Bewegungsaufgabe.

Integration in die Bewegung und Selbsthaltung

Das neu erarbeitete Muster übertragen wir schrittweise auf Distanz, in unterschiedliche Bewegungsrichtungen und später in den Trab.

Im feinen Wechselspiel – die Schulter kontrolliert nach aussen, der Kopf leicht nach innen – kann sich die Halsbasis zunehmend aufrichten.

Das Pferd reduziert die Tendenz, sich über die Vorhand nach vorne zu ziehen. Es lernt, die Spannung im gesamten Körper neu zu verteilen und eine tragfähigere Selbsthaltung zu entwickeln. Die jeweilige Kopf-Hals-Position ist dabei kein Selbstzweck. Sie dient der Bewegungsaufgabe und wird individuell an das Pferd angepasst.

Klassische Reitlehre und tensegrales Training

Tensegrales Pferdetraining ist keine alternative Reitweise und kein Widerspruch zur klassischen Dressurlehre. Takt, Losgelassenheit, Anlehnung, Schwung, Geraderichtung und Versammlung bleiben zentrale Orientierungspunkte. 

Der tensegrale Blick ergänzt diese Grundsätze um eine zusätzliche Frage:

Welche körperlichen Voraussetzungen braucht dieses Pferd, damit es die Aufgabe in Balance, mit möglichst wenig kompensatorischer Spannung und zunehmender Selbsthaltung ausführen kann?

Die klassische Reitlehre gibt den Ausbildungsrahmen. Das tensegrale Training hilft uns, die körperlichen Zusammenhänge darin differenzierter zu erkennen.

Wichtiger Hinweis

Tensegrales Pferdetraining ist ein Trainings- und Ausbildungskonzept. Es ersetzt keine tierärztliche Untersuchung, Diagnose oder Therapie. Bei Schmerzen, Lahmheiten, Headshaking, neurologischen Auffälligkeiten oder plötzlichen Veränderungen des Verhaltens und der Leistungsfähigkeit ist eine tierärztliche Abklärung erforderlich.

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